Baubericht „Sommerwind“ von Robert Schweißgut
Schon immer haben mich Nurflügler (oder auch „Schwanzlose“) und deren Umsetzung in den Modellmaßstab interessiert. Egal ob eine alte Horton oder die moderne Northrop B-2; auch im Modell ist nahezu alles möglich und fliegt heute in vielen Facetten auf vielen Modellflugplätzen.
Aber mein Ding ist es bekanntlich, Flieger selber zu bauen und nicht nur Modelle „out of the box“ zu verwenden. Auch wenn mein Anspruch an mich selbst hier etwas gesunken ist, ein bissel Arbeit darf es schon sein.
Im Jahre 2003 und 2004 baute ich nach einem Plan von Josef Wimmer meinen ersten großen Nuri (der „Sichelflieger“). Angetrieben mit einem Getriebemotor, der aus 8 NiCa-Zellen seine eher dürftige Antriebsenergie bezog und schwer wie eine (Blei-) Ente war, konnte das Ergebnis schon vorausgesagt werden. Es flog…aber auch nur so eben. Der Weg dorthin war eher mühselig: jedes Bauteil musste selber erstellt werden, die Nasenleiste war mehrschichtig und wurde an der gekrümmten Linie mit vielen Nägeln ausgerichtet und so verklebt. Letztendlich lohnte der ganze Aufwand nicht.
Dem Trend folgend lag dann irgendwann auch der „Hai“ aus der FMT auf meinem Baubrett. Dieser war deutlich einfacher zu bauen und insbesondere für den Hang ein Spaßgerät. Von der Flugleistung eher durchschnittlich, Kosten und Bauaufwand dafür doch gering.
Apropos Hang: in dieser Zeit war auch ein weiterer Nurflügler weit verbreitet, der „Zagi“! Es gab sicherlich kaum Hangflieger die nicht nur einen von diesen nahezu unverwüstlichen Fliegern besaßen. Oftmals sprach man von „Zagiwolken“ am Hang, da wirklich alle so ein Teil in der Luft hatten. Der Wettbewerb bestand darin, die Mitflieger so gekonnt in der Luft zu attackieren und zum Absturz zu bringen, bis man selbst der letzte Verbliebene am Hang war. Kaputt gehen konnte ja nichts!
Das Profil des Zagi wurde vom „Zentralen Aerodynamischen Institut“, kurz „TSAGI“ in Moskau entwickelt, das so Namensgeber einer Konstruktion wurde, die sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wie ein Lauffeuer um die Welt verbreitet hat. Die Ursprünge des Zagi als Modellflugzeug liegen vermutlich in den USA, wo die Bezeichnung 1997 als Marke angemeldet wurde. Wie bei „Tempo“ für Papiertaschentücher und „Tesa“ für Klebeband ist die Bezeichnung jedoch längst synonym für alle Pfeilnurflügel aus Hartschaum. Das gemeinhin als Zagi bekannte Modell hat ca. 120 cm Spannweite, besteht aus mit Strappingtape beklebtem EPP und hat ein Abfluggewicht zwischen 500 und 600 Gramm. Diese Konstruktion war praktisch unzerstörbar und zudem sehr kofferraumfreundlich, so dass der Zagi im Modellflug geradezu eine Revolution ausgelöst hat. (Quelle: RC-Network WIKI)
Zu der Zeit als die Halde Hohewart offiziell noch nicht für Besucher frei gegeben war und die RC-Piloten trotzdem vom Wachschutz geduldet wurden ging dort an manchem Tagen flugtechnisch echt die Post ab. Oft probierten enthusiastische Modellbauer wirklich alles, um ihren „Basteldrang“ auszuleben. Der hier abgebildete „Zagi-XXL“ war einer der Versuche, die man sonst nirgendwo gesehen hat. Es ist irgendwie doch sehr schade, dass die Halde in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr zur Verfügung steht!
Kurze Profillehre
Bevor es mit dem Baubericht los geht, noch einige Worte zum Flügelprofil der Nurflügler: durch den fehlenden „Schwanz“ ergibt sich die Notwendigkeit, das bei „normalen“ Profilen vorhandene Drehmoment um die Querachse anders als mit einer zusätzlichen horizontalen Fläche (dem Höhenruder) auszugleichen. Dieses Drehmoment, welches bei ca 25% Tiefe der Profilsehne wirkt und versucht die Nase der Tragfläche nach unten zu drehen wird durch das, im gesamten Flug Abtrieb erzeugende Höhenruder ausgeglichen. Nur was tun, wenn es bei den „Schwanzlosen“ fehlt? Dafür haben findige Tüftler das sog. S-Schlag-Profil erfunden!
Der S-Schlag führt dazu, dass solche Profile entweder ein deutlich verringertes negatives Profilmoment oder gar kein Profilmoment haben (wie symmetrische Flügelprofile) oder mit noch stärkerem S-Schlag sogar eigenstabil fliegen. Allerdings ist der maximale Auftrieb der sogenannten „druckpunktfesten“ Profile (beispielsweise Horten) höher als bei einem symmetrischen Profiltropfen gleicher Dicke und bei eigenstabilen Profilen in etwa gleich dem vergleichbaren symmetrischen Tropfen. Auch der Nullauftriebswinkel solcher eigenstabiler Profile entspricht mit 0° in etwa dem symmetrischer Profile. Quelle: Wikipedia.org
Der „Sommerwind“
Wer sich ernsthaft bemüht einen Nurflügler aus Holz bauen zu wollen und nicht jedes Teil selbst fertigen möchte kommt an Robert Schweißgut aus Österreich nicht vorbei. Robert kann man gut auch als Papst der Modell-Nurflügler bezeichnen. Er liefert nicht nur zahlreiche gefräste Bausätze, sondern versorgt den wissbegierigen Modellbauer gleich mit der passenden Literatur dazu. Zudem antwortet er schnell und sehr freundlich auf Anfragen und ist auch in der Bauzeit bemüht, dem Käufer mit zahlreichen Tipps zur Seite zu stehen. Ein Service, den man nur noch bei wenigen Händlern genießen kann.
Der Bestellprozess ist recht einfach: Modell aussuchen - Robert eine Mail schreiben - Angebot erhalten – Geld überweisen – fertig! Da Robert keine Lagerhaltung betreibt und er die Modelle für den jeweiligen Auftrag direkt fertigt dauert es in der Regel 14 Tage (bei mir ging es schneller) bis man seine Holzkiste erhält. Diese ist recht übersichtlich, gut verpackt und enthält auch noch einen kleinen Gruß vom Konstrukteur. Um mich an das Projekt heran zu tasten habe ich mit der Flosse begonnen. Diese ist kein klassisches Seitenruder und beinhaltet daher auch keine Ruderfläche.
Licht muss her
Jeder kennt das: kurz weggesehen und schon ist das Modell am Himmel verschwunden. Ich habe dadurch zuletzt einen Flieger verloren da seine Silhouette im Grau des Himmels verloren gegangen war. Ein Nurflügler ist konstruktionsbedingt hier noch ein größeres Problem, daher stöberte ich wie so oft im Shop von „Unilight“ und bestellte das „GLIDER-Medium Beleuchtungsset Gen.4“. Mit drei LED-Körpern (davon 2 x 30 Watt), einer kleinen Steuereinheit und der Versorgungsmöglichkeit aus dem Flugakku erschien es für mich als die beste Lösung.
Die Flosse ist der Haifischschwanzflosse nachempfunden und besteht aus einzelnen Rippen, einem CFK-Vierkantstab, einer Nasen- und Endleiste sowie anderen Bauteilen. Die Rippen haben vorne und hinten Ausfräsungen für die Nasen- und Endleisten. Da ich vorher einen Bausatz vom Höllein auf dem Bautisch hatte war ich gewohnt, dass alles saugend passen sollte. Doch hier war das Ergebnis leider etwas enttäuschend: die Ausfräsungen sind zu schmal; beim Aufstecken der Endleiste „platzten“ die Rippen am Ende auseinander.
Auch der CFK-Vierkantstab passte nicht in die Ausfräsungen der Rippen und auch nicht in das Abschlussteil am Ende der Flosse. Im Bild sieht man die vorhandene Ausfräsung und mit Bleistift aufgezeichnet das erforderliche Maß. Wenn man sich dessen bewusst ist geht es im Verlaufe des weiteren Baus dann aber besser von der Hand. Also Obacht geben und vorher die Einzelteile testweise zusammenfügen und nicht versuchen, ganze Baugruppen komplett zusammen zu stecken. Der Rumpf und vor allem die Flächen passen im Übrigen besser als die Teile der Flosse. Ein erheblicher Unterschied ist auch das Herstellungsverfahren: die Bausätze von Robert sind gefräst; somit sind Ecken eben nicht vollständig rechtwinkelig da ja die Fräse ein rundes Werkzeug ist und in Ecken eben einen Radius des Fräswerkzeuges hinterlässt. Wird hier noch unsauber konstruiert, kann dieser Radius schon mal größer ausfallen. Aber ich wollte ja selber bauen...
Der Rest des Baus ist dann eher unspektakulär. Alle notwendigen Teile wie Flächensteckung, Magnete, Schrauben und ein paar Druckteile sind Bestandteil des Bausatzes und müssen nicht separat beschafft werden. Der Sommerwind verfügt über zwei Höhenruder und zwei Querruder. Somit konnte ich vorhandene Servos (4 x KST X-10 Mini) verwenden. Entsprechend der Empfehlung aus der Bauanleitung bestellte ich bei Natterer Modellbau das passende Equipment (Torcster Brushless Gold A2826/10, Klappluftschraube CAM Carbon Z 9x5, Turbo Spinner für Klappluftschrauben D=40mm-3,2mm, sowie einen Torcster Speedcontroller ECO BEC 40A V2.2). Als Stromversorgung hatte ich vorweg die vorhandenen 3S-2.400 mAh Akkus vorgesehen.
Wie üblich ist die Schleifarbeit unabdingbares Element im Holzbau. Auch der Sommerwind verlangt einen staubfesten Arbeitsplatz und Geduld des Erbauers beim Schleifen. Nicht so viel wie bei meinem letzten Projekt, aber doch immer noch genug. Und hier sollte man sich einfach Mühe geben und Bauteilkombination (z.B. Rumpf und Kabinenhaube) auch zusammengesetzt schleifen. Nur so erhält man perfekte Übergänge. Ist einmal die Folie drauf und offenbart schlampige Arbeit korrigiert man dieses eher selten.
Der elektrische Ausbau ist eher Standard; einzig die Lichter in der Tragfläche und in der abnehmbaren Flosse erfordern etwas Aufmerksamkeit. So habe ich als Verbindung zwischen Rumpf und Flächen ein 8poliges Stecksystem und für die Flosse einfach einen Servostecker mit Kupplung verwendet.
Hinsichtlich des Foliendesign wollte ich endlich mal alle vorhandenen Reste an Folien aufbrauchen. So wurde es erforderlich, dass die Flächen eine optische Teilung (mein übliches Karo-Muster) erhielten, eine rote Unterseite entstand und eine etwas wild gemixte Flosse gefertigt wurde. Die Ruderflächen, welche den eigentlichen S-Schlag des Tragflächenprofils bilden habe ich angebügelt. Hier empfiehlt Robert Schweißgut mindesten die Verwendung von einem Folienscharnier. Nur so wird der aerodynamisch gute Übergang von der Fläche auf die Steuerflächen gewährleistet. Die Ruder sind oben angelenkt; auch die hierfür notwendigen Teile sind im Bausatz enthalten.
Erstflug
Nach dem Einstellen der Ruderwege (hier war ich mutig und habe erheblich mehr Ausschlag vorgesehen) und dem Einstellen des Schwerpunktes (hierzu ist Blei in der Nase erforderlich) ging es dann mit dem üblich erhöhten Puls zum Platz. Robert gibt zum Einfliegen Hinweise die sich von den üblichen Methoden unterscheiden. Er schreibt dazu:
„Die Schwerpunktangabe in dieser Bauanleitung ist kopflastig, weil das sicherer ist zum Einfliegen. Für die erste grobe Einschätzung der Schwerpunktlage brauchen Sie die Fernsteuerung noch nicht. Heben Sie den Segler hoch über den Kopf und rennen Sie einige Schritte gegen den Wind, bis Sie merken, er möchte (und kann) fliegen. Lassen Sie dann den Segler kurz los und beobachten Sie die Reaktion. Bedingt durch die kurzen Hebelarme beim Brettflugzeug zeigt sich bei deutlicher Schwerpunktvorlage ein heftiges Abnicken und umgekehrt bei Schwerpunktrücklage ein abruptes Aufbäumen. Ich weiß, es kostet gewaltig viel Überwindung, den Segler ohne Steuerung loszulassen. Aber glauben Sie mir: es funktioniert.“
Auch Thomas, der als moralische Unterstützung beim Erstflug dabei war, schüttelte etwas ungläubig den Kopf. Da ich aber der Überzeugung bin, dass der Konstrukteur weiß was er tut, bin ich genau so verfahren. Einziger Unterschied: den Sender habe ich beim Rennen mitgenommen...
Was soll ich sagen? Es funktioniert sehr gut! So konnte nach den ersten Laufversuchen der Sommerwind mit auf Halbgas laufenden Motor seinem Element übergeben werden. Es waren keinerlei Korrekturen notwendig, der Flieger zog brav seine Bahnen und war von Anfang an gut beherrschbar. Froh war ich jedoch über die vergrößerten Ruderausschläge und die Tatsache, dass ich die Höhenruder zu den Querrudern über einen Schalter zumischen kann und somit eine bessere Ruderwirkung erziele. Der Sommerwind gleitet extrem gut und nimmt auch die kleinste Termik gut an. Das erfordert einen gut strukturierten Landeanflug oder besser noch abschließend zu programmierende Flugphasen (Butterfly). Soweit bin ich aber noch nicht.
Mein Fazit
Der Sommerwind ist ein Nurflügler der seinen Bauaufwand wert ist. Optisch ein Hingucker, fliegerisch ein Genuss. Schnelles Fliegen mag er nicht da seine Flächen sehr weich sind. Ich bin froh, dass ich mich entschlossen habe mal wieder einen Nurflügler zu bauen und meine Wahl auf ein Modell von Robert Schweißgut fiel. Sprecht mich gerne an wenn ihr dazu mehr wissen wollt.
Recklinghausen im Juli 2026
Matthias Klafki
Literaturverzeichnis
- RC-Network WIKI
- Wikipedia.org
- Bauanleitung zum SOMMERWIND von Robert Schweißgut, SOMMERWIND 37 / Version 2-2024-P-JR-MPX-Ruho